ADHS und Depression bei Frauen: Zusammenhang, Warnzeichen und Hilfe
Kurz gesagt
ADHS und Depression treten bei Erwachsenen deutlich häufiger gemeinsam auf, als es der Zufall erwarten liesse. Bei Frauen wird oft zuerst die Depression erkannt und das ADHS dahinter übersehen. Abklärung und Behandlung gehören in ärztliche oder psychotherapeutische Hände. Coaching kann daneben im Alltag unterstützen, ersetzt die Behandlung aber nicht.
Bin ich depressiv, oder steckt ADHS dahinter? Viele Frauen stellen sich diese Frage erst, nachdem sie schon eine Weile wegen Depression in Behandlung sind. Müde bist du seit Monaten, die Wäsche liegt seit Tagen im Korb, und irgendwann hat jemand das Wort Depression ausgesprochen, vielleicht deine Hausärztin, vielleicht du selbst. Bei ADHS und Depression liegen die Dinge oft übereinander, deshalb sind sie so schwer zu entwirren. Dieser Text gibt dir Orientierung. Eine Abklärung ersetzt er nicht, und eine Diagnose stellt er auch nicht.
Wie hängen ADHS und Depression zusammen?
Die Forschung ist hier ziemlich klar: Beides kommt bei Erwachsenen viel häufiger gemeinsam vor, als es Zufall wäre. Eine grosse Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2023 hat nur Studien mit jeweils mehr als 10’000 Teilnehmenden ausgewertet, also Bevölkerungsbefragungen und Register- oder Versicherungsdaten. Erwachsene mit ADHS hatten darin eine rund 4,5-fach erhöhte Chance (Odds Ratio), auch eine schwere Depression zu haben, verglichen mit Erwachsenen ohne ADHS. Frauen waren dabei häufiger von Depression und Angststörungen betroffen als Männer, wie in der übrigen Bevölkerung auch.
Wie hoch dein persönliches Risiko ist, lässt sich aus dieser Zahl nicht ablesen, und auch nicht, was zuerst da war. Die Fachleute diskutieren mehrere Wege, die sich vermutlich überlagern. Gemeinsame biologische Faktoren gehören dazu. Dann das, was ADHS im Leben anrichtet, wenn niemand es erkennt: Jahre, in denen du dich mehr anstrengst als andere und trotzdem hörst, du seist chaotisch, faul, zu empfindlich oder zu viel. Schlaf spielt mit hinein. In einer niederländischen Studie mit über 3’600 Erwachsenen aus einer ADHS-Spezialsprechstunde zeigten rund 60 Prozent im Fragebogen Hinweise auf eine Schlafstörung, und diese Schlafprobleme hingen unter anderem mit Depression zusammen.
Auch die Gefühlsseite von ADHS gehört ins Bild. Viele Erwachsene mit ADHS erleben Emotionen schneller und heftiger als andere. Das ist kein offizielles Diagnosekriterium, wird in der Fachliteratur aber als häufiges Merkmal beschrieben. Mehr dazu findest du im Artikel über emotionale Dysregulation bei ADHS.
Warum wird bei Frauen oft zuerst die Depression gesehen?
Du sitzt bei der Hausärztin, weil du nicht mehr schläfst und morgens kaum aus dem Bett kommst. Du erzählst von Erschöpfung, von Tränen im Auto, von dem Gefühl, alles nur noch mit Mühe zusammenzuhalten. Das passt zu einer Depression. Dass du seit der Schulzeit Termine vergisst, Projekte anfängst und liegen lässt, Rechnungen in Stapeln sammelst und vor jeder Deadline eine Nachtschicht einlegst, erwähnst du vielleicht gar nicht. Es gehört für dich zum Leben.
So oder ähnlich beginnt es bei vielen Frauen. Eine Übersichtsarbeit von 2014 beschreibt ADHS bei Frauen und Mädchen ausdrücklich als «versteckte Diagnose». Die Autorinnen halten fest, dass Angst und Depression bei Frauen mit ADHS häufige Begleiterkrankungen sind und dazu beitragen können, dass das ADHS übersehen oder falsch eingeordnet wird. Ein britisches Expertenkonsens-Papier von 2020 nennt weitere Gründe: Mädchen und Frauen zeigen öfter die unaufmerksame Seite von ADHS und weniger sichtbare Unruhe, es gibt Vorurteile bei der Zuweisung, und viele Frauen entwickeln Strategien, mit denen sie ihre Schwierigkeiten überdecken.
Fachleute nennen dieses Überdecken Masking. Du planst doppelt, kontrollierst dreimal, lächelst im Meeting und brichst zu Hause zusammen. Von aussen wirkst du organisiert. Innen läuft der Motor auf Anschlag. Eine Fachperson, die nur das sieht, was du gerade zeigst, sieht eine erschöpfte Frau mit gedrückter Stimmung. Das ADHS dahinter bleibt unsichtbar. Wie Masking funktioniert und was es kostet, erklärt der Artikel Masking bei ADHS.
Die Folge kann sein, dass eine Depression behandelt wird und sich bessert, die Grundschwierigkeiten im Alltag aber bleiben. So können Jahre vergehen, bis jemand an ADHS denkt. Wenn du dich darin wiedererkennst, lohnt sich ein Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Psychiater. Wie eine Abklärung in der Schweiz abläuft, steht unter ADHS-Diagnose bei Erwachsenen in der Schweiz. Allgemeines zu Symptomen und Besonderheiten findest du im Pillar-Artikel ADHS bei Frauen.
ADHS-Erschöpfung, depressive Episode oder Burnout: Wie unterscheiden sich die drei?
Diese Unterscheidung kannst du nicht allein treffen, und das musst du auch nicht. Die drei Zustände überschneiden sich, sie können gleichzeitig auftreten, und sie fühlen sich von innen oft gleich an. Was folgt, ist eine grobe Orientierung, damit du im Gespräch mit einer Fachperson besser beschreiben kannst, was bei dir los ist.
Erschöpfung durch ADHS im Alltag. Viele Frauen mit ADHS kennen den Abend nach einem Tag voller Reize, Unterbrechungen, Lärm im Grossraumbüro und ständiger Selbstkontrolle. Nach dem Teammeeting brauchst du eine Stunde Stille. Nach einer Woche mit drei Abgabeterminen bist du leer. Typisch ist, dass diese Müdigkeit an Situationen gebunden ist und dass Erholung noch wirkt: Nach einem ruhigen Samstag oder einem Abend ohne Verpflichtung kommt ein Teil der Energie zurück. Die Freude an Dingen, die dir wichtig sind, bleibt im Kern erhalten.
Depressive Episode. Die WHO beschreibt eine depressive Episode als gedrückte Stimmung oder Verlust von Interesse und Freude, die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag, über mindestens zwei Wochen. Dazu kommen können Konzentrationsprobleme, starke Schuldgefühle oder ein Gefühl von Wertlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, veränderter Schlaf und Appetit, wenig Energie und Gedanken an den Tod. Ein Unterschied, den viele beschreiben: Auch das, was früher gut tat, erreicht dich nicht mehr. Der freie Samstag fühlt sich genauso grau an wie der Montag.
Burnout. Burnout ist in der ICD-11 der WHO keine Krankheitsdiagnose. Es steht dort als berufsbezogenes Phänomen im Kapitel über Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen (Code QD85). Gemeint ist ein Syndrom, das aus chronischem, nicht erfolgreich bewältigtem Stress am Arbeitsplatz entsteht, mit Erschöpfung, innerer Distanz oder Zynismus gegenüber der Arbeit und dem Gefühl, weniger leisten zu können. Eine Meta-Analyse von 2019 fand, dass Burnout und Depression deutlich zusammenhängen, die Autorinnen und Autoren werten sie aber als unterscheidbare Zustände. Was Burnout mit ADHS zu tun hat, liest du im Artikel ADHS und Burnout.
Ein paar Fragen können dir helfen, deine Beobachtungen zu sortieren, bevor du in die Sprechstunde gehst. Schreib die Antworten auf, das Gedächtnis ist in solchen Phasen unzuverlässig.
- Seit wann geht es dir so? Gab es einen Auslöser oder ist es langsam gekommen, und wirkt Erholung noch, wenigstens ein bisschen?
- Betrifft es vor allem die Arbeit oder auch Freundschaften, Hobbys, die Familie?
- Wie schläfst du, wie isst du, hat sich da etwas verändert?
- Kennst du Konzentrationsprobleme und Aufschieben schon aus der Kindheit oder sind sie neu?
Die letzte Frage ist für die Abklärung besonders wichtig. Nach der ICD-11 der WHO müssen ADHS-Symptome schon vor dem 12. Lebensjahr bestanden haben, auch wenn die Diagnose erst viel später gestellt wird. Wenn Konzentration und Antrieb erst mit der Erschöpfung schlechter geworden sind, schaut eine Fachperson anders hin, als wenn du sie seit der Primarschule kennst.
Warnzeichen für sofortige ärztliche Hilfe
Manche Situationen vertragen kein Abwarten und kein Coaching. Bitte melde dich noch heute bei deiner Hausärztin oder einer Notfallstelle, wenn eines davon auf dich zutrifft:
- Du denkst daran, nicht mehr leben zu wollen, oder machst Pläne, dir etwas anzutun.
- Du kannst dich seit Tagen kaum noch um Essen, Trinken oder Körperpflege kümmern.
- Du schläfst seit mehreren Nächten fast gar nicht.
- Deine Stimmung kippt sehr stark, oder du nimmst Dinge wahr, die andere nicht wahrnehmen.
- Du trinkst mehr Alkohol oder nimmst andere Substanzen, um durch den Tag zu kommen.
Für akute Krisen gibt es in der Schweiz Die Dargebotene Hand, Telefon 143. Sie ist rund um die Uhr erreichbar, und du musst deinen Namen nicht sagen. Das Gespräch ist kostenlos (je nach Anbieter können Verbindungsgebühren anfallen). Wenn dir Schreiben leichter fällt, gibt es auf 143.ch auch Chat und Mail. Bei Lebensgefahr wählst du 144. Eine Liste mit kantonalen Kriseninterventionsstellen findet sich bei Equilibrium, dem Verein zur Bewältigung von Depressionen.
Hast du Sorge um eine Freundin oder Kollegin, darfst du dort genauso anrufen.
Wie wird ADHS mit Depression behandelt?
Die Behandlung gehört in die Hände von Fachpersonen, oft arbeiten Psychiaterin und Hausarzt dabei zusammen. Hier steht nur das Allgemeine, keine Empfehlung für deinen Fall.
Am Anfang steht eine sorgfältige Abklärung. Wenn beides im Raum steht, schaut die Fachperson, was gerade im Vordergrund steht, wie stark die Depression ist und ob die Hinweise auf ADHS sich bestätigen. Die Reihenfolge der Behandlung legt sie gemeinsam mit dir fest. Das kann sich je nach Situation unterscheiden.
Für Depression nennt die WHO psychologische Behandlungen als erste Wahl, zum Beispiel kognitive Verhaltenstherapie, Verhaltensaktivierung, interpersonelle Therapie oder problemlösende Therapie. Bei mittelschweren und schweren Depressionen kann zusätzlich eine medikamentöse Behandlung in Frage kommen. Ob, welche und wann, entscheidest du mit deiner Ärztin. Für ADHS gibt es ebenfalls psychotherapeutische und ärztliche Behandlungsmöglichkeiten. Auch hier gilt: Das bespricht deine behandelnde Fachperson mit dir.
Wenn du eine Fachperson mit ADHS-Erfahrung suchst, bietet die Schweizerische Fachgesellschaft ADHS (SFG ADHS) eine Fachpersonensuche. Pro Mente Sana berät kostenlos zu psychosozialen und rechtlichen Fragen rund um psychische Gesundheit, auch Angehörige. Und die Hausärztin ist für viele der naheliegende erste Schritt, weil du sie schon kennst.
Ein Satz noch zur Ungeduld, die viele Frauen mit ADHS kennen. Behandlung braucht Zeit. Bis zum ersten Termin kann es dauern, und eine Therapie wirkt selten nach zwei Sitzungen. Das ist frustrierend. Es heisst aber nicht, dass du am falschen Ort bist.
Was kann Coaching neben der Behandlung leisten und was nicht?
Ich bin ADHS-Mentorin. Ich diagnostiziere nicht und therapiere nicht, und Fragen zu Medikamenten gebe ich an deine Ärztin zurück. Bei Depression arbeite ich neben der ärztlichen oder therapeutischen Behandlung und richte mich nach dem, was dort besprochen wird. Ich halte diese Grenze genau ein, weil sie dich schützt.
Was Mentoring in dieser Lage beitragen kann, liegt im Alltag. In der Therapie bearbeitest du, was dich belastet. Im Mentoring geht es um die praktische Seite von ADHS: Wie baust du einen Tag, der dich nicht schon um zehn Uhr erschöpft? Und was tust du mit dem Stapel offener Aufgaben, der dich jeden Morgen anschaut, wenn die Energie knapp ist? Ich arbeite mit dem «ADHS-Code» in fünf Schritten, von Selbstkenntnis und Klarheit bis zu Action und Momentum. In einer depressiven Phase verschiebt sich das Tempo, und ein erledigter Anruf zählt dann mehr als ein neuer Wochenplan.
Coaching kann keine Depression behandeln. Es ersetzt weder Psychotherapie noch ärztliche Kontrolle, und in einer Krise ist die 143 oder die 144 die richtige Nummer. Wenn sich im Mentoring zeigt, dass es dir schlechter geht, werde ich das ansprechen und dich ermutigen, dich bei deiner behandelnden Fachperson zu melden.
Wie die Begleitung konkret aussieht, beschreibt die Seite Begleitung bei ADHS und Depression.
Alltag mit ADHS und Depression an schweren Tagen
Die folgenden Punkte ersetzen keine Therapie. Viele Frauen beschreiben sie neben der Behandlung als hilfreich, und einiges davon nennt auch die WHO bei Depression. Nicht alles passt an jedem Tag. An manchen Tagen ist schon aufstehen und duschen eine Leistung, und das zählt.
Struktur, die klein genug ist
Ein voller Wochenplan kann mit ADHS und Depression erschlagen. Hilfreicher ist oft ein Gerüst mit wenigen festen Punkten: Aufstehzeit, eine Mahlzeit, ein Stück Bewegung, eine Aufgabe. Schreib die eine Aufgabe auf einen Zettel und leg ihn neben die Kaffeemaschine. Die anderen 20 offenen Tabs dürfen heute offen bleiben.
Oft beginnt der Tag mit einer langen Liste, und am Abend siehst du nur noch, was fehlt. Das höre ich häufig. Im Mentoring schaue ich deshalb zuerst auf den Energie-Rhythmus: zu welcher Tageszeit dein Kopf am klarsten ist, was Hyperfokus auslöst und welche Reize dich am schnellsten leeren. Für schwere Phasen heisst das, den Tag nach deiner Energie zu planen und die Liste kürzer zu halten als an guten Tagen.
Schlaf
Schlafprobleme sind bei Erwachsenen mit ADHS häufig, und sie hängen mit Depression zusammen. Die WHO empfiehlt bei Depression regelmässige Schlafens- und Essenszeiten. Mit ADHS ist das schwer, weil der Abend oft die einzige Zeit ist, in der der Kopf ruhig wird. Eine feste Aufstehzeit ist für viele leichter umzusetzen als eine feste Zubettgehzeit. Wenn du über Wochen schlecht schläfst, sprich das bei deiner Ärztin an. Schlaf ist ein eigenes Thema in der Behandlung.
Bewegung
Die WHO rät bei Depression zu regelmässiger Bewegung, auch wenn es nur ein kurzer Spaziergang ist. Mit ADHS hilft es, Bewegung an etwas zu koppeln, das ohnehin passiert. Den Weg zum Bäcker zu Fuss, das Telefonat beim Gehen. Wie weit oder wie schnell, spielt keine Rolle.
Soziale Kontakte
Rückzug gehört zu Depression, und mit ADHS kommt oft Scham dazu: über unbeantwortete Nachrichten, verpasste Geburtstage, abgesagte Treffen und das Geschenk, das seit März im Schrank liegt. Die WHO nennt den Kontakt zu Familie und Freundinnen als hilfreich. Eine einzige Person, der du schreiben kannst, wenn es schlecht geht, ist schon viel. Du musst dafür nicht alle Nachrichten der letzten Monate nachholen.
Energie einteilen
Viele Frauen mit ADHS verbrauchen an guten Tagen alles, was sie haben. Hyperfokus bis Mitternacht, am nächsten Tag nichts mehr. In einer depressiven Phase ist der Tank kleiner. Es kann helfen, nach einem guten Vormittag bewusst aufzuhören, auch wenn noch Energie da wäre. Das fühlt sich falsch an, schützt aber den nächsten Tag.
Auf Alkohol als Abschalthilfe am Abend weist die WHO ausdrücklich hin: Er kann eine Depression verschlechtern.
ADHS und Depression am Arbeitsplatz
Das Mail ist seit Tagen offen, die Kollegin fragt nach dem Stand, und du hast seit Wochen das Gefühl, nur noch zu reagieren. Viele Frauen mit ADHS und Depression funktionieren im Job erstaunlich lange, oft bis zu dem Tag, an dem nichts mehr geht.
Wenn deine Ärztin dich krankschreibt, gehört das zur Behandlung. Mit Versagen hat es nichts zu tun. Für die Zeit danach stehen oft praktische Fragen an, vom Mail an die Krankentaggeldversicherung bis zum Gespräch über einen stufenweisen Wiedereinstieg. Was in der Schweiz dazu gehört, findest du im Bereich Wiedereingliederung. Ich begleite dich auch dabei, wieder neben deiner Behandlung.
Was du deinem Arbeitgeber über deine Gesundheit erzählst, entscheidest du weitgehend selbst. Manchen Frauen hilft es, nur über konkrete Anpassungen zu sprechen, etwa einen ruhigeren Arbeitsplatz, schriftliche Aufträge oder feste Zeiten ohne Meetings und ohne Mailprogramm. Für Fragen zu deinen Rechten am Arbeitsplatz bei psychischer Erkrankung ist die Rechtsberatung von Pro Mente Sana eine Anlaufstelle.
Für Führungskräfte und HR-Abteilungen gibt es eine eigene Seite: Informationen für Arbeitgeber. Weitere Themen rund um den Beruf, etwa Aufschieben und Zeitgefühl, gehören zum Bereich ADHS im Job.
Für Partner, Freundinnen und Familie
Wer neben einer Frau mit ADHS und Depression lebt, sieht oft zuerst die Oberfläche: abgesagte Abende, liegengebliebene Post, Gereiztheit am Küchentisch und ein Handy, das nur noch stumm geschaltet ist. Ratschläge wie «Reiss dich zusammen» oder «Mach doch mal Sport» kommen meist gut gemeint und landen schlecht. Sie bestätigen das Gefühl, selbst schuld zu sein.
Hilfreicher ist es, konkret zu werden. «Soll ich morgen mit dir zur Hausärztin fahren?» trägt weiter als «Du solltest mal zum Arzt». Wer anbietet, die Wäsche mitzunehmen oder einen Termin für sie zu vereinbaren, nimmt ein Stück Last weg, das im Kopf gross geworden ist. Und manchmal reicht es, da zu sein, ohne etwas zu lösen.
Angehörige dürfen sich auch selbst Unterstützung holen. Pro Mente Sana berät ausdrücklich auch Nahestehende, und die Dargebotene Hand ist für alle da, die ein Gespräch brauchen. Wenn du dir Sorgen machst, dass sie sich etwas antun könnte, sprich sie direkt darauf an und hol Hilfe, notfalls über die 144. Eine Übersichtsarbeit fand keine Hinweise darauf, dass die Frage nach Suizidgedanken solche Gedanken erst auslöst.
Der nächste Schritt
Vielleicht hast du beim Lesen einiges wiedererkannt, vielleicht nur zwei Sätze. Auch zwei Sätze reichen, um das Thema in der Praxis anzusprechen. Wenn du vermutest, dass hinter deiner Depression ADHS stecken könnte, oder umgekehrt, sprich es bei deiner Ärztin oder deinem Psychiater an. Nimm deine Notizen mit.
Zum Weiterlesen in diesem Themenbereich:
- ADHS und Burnout: Warum Masking und Überkompensation in die Erschöpfung führen können und was beim Wiedereinstieg hilft.
- Emotionale Dysregulation bei ADHS: Was hinter starken Gefühlsreaktionen steckt, etwa nach einem Feedbackgespräch.
- ADHS bei Frauen: Wie sich ADHS bei Frauen zeigt und warum es so oft spät erkannt wird.
Und wenn du für die Zeit neben der Behandlung jemanden suchst, der ADHS von innen kennt und mit dir am Alltag arbeitet, kannst du mich in einem kostenlosen Gespräch kennenlernen.
Häufige Fragen
Kann ADHS eine Depression auslösen?
Grosse Studien zeigen, dass Erwachsene mit ADHS deutlich häufiger eine Depression haben als Erwachsene ohne ADHS. Ob und wie das eine das andere auslöst, ist nicht abschliessend geklärt. Diskutiert werden unter anderem jahrelange Überforderung, Misserfolgserlebnisse, Schlafprobleme und gemeinsame biologische Faktoren. Für dich persönlich klärt das eine Fachperson.
Woran merke ich, ob ich erschöpft oder depressiv bin?
Selbst lässt sich das kaum sicher unterscheiden. Ein wichtiges Signal laut WHO: Gedrückte Stimmung oder Verlust von Interesse und Freude, fast täglich und die meiste Zeit des Tages, über mindestens zwei Wochen. Wenn Erholung am Wochenende oder in den Ferien gar nicht mehr greift, lass dich ärztlich abklären.
Wird ADHS bei Frauen oft mit Depression verwechselt?
Fachartikel beschreiben, dass Angst und Depression bei Frauen mit ADHS häufig sind und dazu führen können, dass das ADHS übersehen oder falsch eingeordnet wird. Viele Frauen erhalten ihre ADHS-Diagnose erst im Erwachsenenalter, nachdem sie schon wegen Depression oder Angst in Behandlung waren.
Hilft Coaching bei Depression?
Eine Depression gehört in ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Coaching ist keine Therapie. Es kann daneben helfen, den Alltag mit ADHS so zu strukturieren, dass die knappe Energie reicht, oder die Rückkehr in den Beruf zu planen, immer abgestimmt auf das, was die Behandlung vorgibt.
Wo bekomme ich in der Schweiz sofort Hilfe?
Die Dargebotene Hand ist unter Telefon 143 rund um die Uhr erreichbar und anonym, auch per Chat und Mail. Das Gespräch ist kostenlos, je nach Anbieter fallen Verbindungsgebühren an. Bei Lebensgefahr wählst du 144. Für eine Abklärung ist deine Hausärztin eine gute erste Anlaufstelle.
Brauche ich eine ADHS-Diagnose, um mit mir zu arbeiten?
Nein, eine Diagnose ist für das Mentoring keine Voraussetzung. Wenn eine Depression im Spiel ist, arbeite ich neben der ärztlichen oder therapeutischen Behandlung und nicht an ihrer Stelle.
Quellen
- Hartman CA et al. (2023): Anxiety, mood, and substance use disorders in adult men and women with and without ADHD: A substantive and methodological overview. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 151:105209
- Quinn PO, Madhoo M (2014): A Review of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Women and Girls: Uncovering This Hidden Diagnosis. Prim Care Companion CNS Disord 16(3)
- Young S et al. (2020): Females with ADHD: An expert consensus statement taking a lifespan approach. BMC Psychiatry 20:404
- WHO: Depressive disorder (depression), Fact Sheet
- WHO (2019): Burn-out an occupational phenomenon: International Classification of Diseases
- Koutsimani P, Montgomery A, Georganta K (2019): The Relationship Between Burnout, Depression, and Anxiety: A Systematic Review and Meta-Analysis. Frontiers in Psychology 10:284
- van der Ham M et al. (2024): Sleep Problems in Adults With ADHD: Prevalences and Their Relationship With Psychiatric Comorbidity. Journal of Attention Disorders 28(13)
- Shaw P et al. (2014): Emotion dysregulation in attention deficit hyperactivity disorder. American Journal of Psychiatry 171(3)
- Bundesamt für Gesundheit BAG: Mentale Gesundheit in Leichter Sprache (Dargebotene Hand 143)
- Die Dargebotene Hand, Telefon 143
- Equilibrium, Verein zur Bewältigung von Depressionen: Notfallnummern
- Pro Mente Sana: Beratung für Betroffene und Nahestehende
- Dazzi T et al. (2014): Does asking about suicide and related behaviours induce suicidal ideation? What is the evidence? Psychological Medicine 44(16)
- WHO ICD-11: 6A05 Attention deficit hyperactivity disorder
- Schweizerische Fachgesellschaft ADHS (SFG ADHS): Informationen und Fachpersonensuche