ADHS-Diagnose für Erwachsene in der Schweiz: Ablauf, Kosten, Vorbereitung

Kurz gesagt

In der Schweiz klären meist Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie ADHS bei Erwachsenen ab, teils auch spezialisierte psychologische Psychotherapeutinnen. Die Abklärung umfasst Gespräche, Fragebögen, Angaben von Angehörigen und den Ausschluss anderer Ursachen. Mit ärztlicher Verordnung zahlt die Grundversicherung, abzüglich Franchise und Selbstbehalt.

Du hast einen Artikel über ADHS gelesen und dich in jedem zweiten Satz wiedererkannt. Seitdem lässt dich die Frage nicht los. Eine ADHS-Diagnose als Erwachsene in der Schweiz ist möglich, auch mit 35 oder 50, und die Grundversicherung beteiligt sich an den Kosten. Der Weg dorthin hat aber ein paar Stationen, und es hilft, sie zu kennen, bevor du anrufst.

Den Hintergrund liefert die Übersicht ADHS bei Frauen. Unten folgen der Ablauf Schritt für Schritt, wer abklären darf, was es kostet und wie du dich vorbereitest.

Wer stellt in der Schweiz eine ADHS-Diagnose bei Erwachsenen?

Bei Erwachsenen übernehmen laut der ADHS-Organisation elpos meist Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie die Diagnostik, manchmal auch Neurologinnen. Psychologische Psychotherapeutinnen mit entsprechender Weiterbildung können die Abklärung ebenfalls durchführen. Viele psychiatrische Kliniken und Ambulatorien führen spezialisierte ADHS-Sprechstunden, in denen Psychologinnen und Ärzte zusammenarbeiten.

Für die spätere Behandlung spielt das eine Rolle. Wenn Medikamente ein Thema werden, verlangen Krankenkassen laut einem SRF-Bericht unter anderem, dass eine Psychiaterin oder ein Psychiater die Diagnose gestellt hat. Frag deshalb bei einer rein psychologischen Abklärung nach, wie die Zusammenarbeit mit einer Psychiaterin geregelt ist.

Fachpersonen in deiner Nähe findest du über die Fachpersonensuche der SFG-ADHS. Auch die Beratung von elpos hilft bei der Suche, kostenlos.

Ablauf der ADHS-Abklärung in sechs Schritten

Jede Fachstelle arbeitet etwas anders. Die Grundbausteine sind aber ähnlich. Die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel beschreiben ihr Vorgehen zum Beispiel so: ausführliche Anamnese, strukturiertes Interview, Fragebögen für dich und Angehörige, Gespräche mit Angehörigen, Schulzeugnisse und Austausch mit früheren Behandelnden.

Schritt 1: Gespräch mit der Hausärztin

Für viele Frauen beginnt es in der Hausarztpraxis. Du erzählst, was dir auffällt, und bittest um eine Überweisung. Deine Hausärztin kann die Verordnung für die Abklärung ausstellen. Sie kann auch prüfen, ob körperliche Gründe hinter deiner Erschöpfung oder deinen Konzentrationsproblemen stecken. Vor einer möglichen Medikation verlangen manche Kliniken ohnehin eine hausärztliche Untersuchung mit Blutdruck, Routinelabor und EKG.

Nimm dir für den Termin ein paar Notizen mit. Mit drei konkreten Beispielen aus deinem Alltag kann deine Ärztin mehr anfangen als mit «Ich bin so unkonzentriert».

Schritt 2: Ausführliche Anamnese

Bei der Fachstelle folgt ein langes Gespräch. Die Fachperson fragt nach deiner heutigen Lebenssituation, nach Familie, Schule, Ausbildung und Beruf, nach früheren psychischen und körperlichen Erkrankungen und danach, ob ADHS oder ähnliche Muster in deiner Familie vorkommen. Laut elpos ist dieses Gespräch der zentrale Teil der ganzen Abklärung.

Oft kommt ein strukturiertes Interview dazu. In Basel wird zum Beispiel das DIVA verwendet, ein standardisiertes Interview, das die Kernbereiche von ADHS für die Kindheit und das Erwachsenenalter getrennt abfragt.

Schritt 3: Fragebögen

Du füllst mehrere Fragebögen aus, meist zu Hause. Häufig verwendet werden Skalen zu den heutigen Symptomen (zum Beispiel die CAARS) und zu den Symptomen in der Kindheit (zum Beispiel die WURS-K). Dazu können Fragebögen zu anderen Themen kommen, etwa zur Persönlichkeit oder zur Stimmung.

Schritt 4: Fremdanamnese

ADHS beginnt nach den heutigen Kriterien in der Kindheit. Deshalb will die Fachperson wissen, wie du als Kind warst, und zwar möglichst nicht nur von dir. Eltern, Geschwister oder deine Partnerin füllen eigene Fragebögen aus oder kommen zu einem Gespräch. Wenn deine Eltern nicht mehr leben oder der Kontakt schwierig ist, sag das offen. Fachpersonen kennen diese Situation und finden andere Wege.

Schritt 5: Tests und Ausschlussdiagnostik

Manche Stellen machen neuropsychologische Tests zu Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Planung. Ein einzelner Test beweist ADHS aber nicht. Die Diagnose bleibt eine klinische Gesamtbeurteilung.

Genauso wichtig ist die Abgrenzung. Konzentrationsprobleme und innere Unruhe können viele Ursachen haben: eine Depression, eine Angststörung, chronischer Schlafmangel oder eine körperliche Erkrankung. Bei Frauen kommt dazu, dass ADHS oft gemeinsam mit Depression oder Angst auftritt. Die Fachperson klärt deshalb, was zu was gehört.

Schritt 6: Auswertung und Befundgespräch

Am Schluss steht ein Gespräch, in dem du das Ergebnis erfährst. Für eine ADHS-Diagnose müssen laut elpos mehrere Bedingungen erfüllt sein: Die Symptome bestehen seit mindestens sechs Monaten, sie haben in der Kindheit begonnen, sie zeigen sich in mehreren Lebensbereichen und sie beeinträchtigen deinen Alltag deutlich. Lass dir den schriftlichen Bericht geben, du wirst ihn später noch brauchen.

Was kostet eine ADHS-Diagnose und was zahlt die Krankenkasse?

Hier lohnt sich Genauigkeit, weil sich vieles vermischt.

Ärztliche Abklärung: Eine Abklärung bei einer Psychiaterin ist eine ärztliche Leistung. Laut elpos übernimmt die Grundversicherung die Kosten der ADHS-Abklärung, wenn eine ärztliche Verordnung vorliegt. Diese kann deine Hausärztin oder eine Fachärztin ausstellen.

Deine Kostenbeteiligung: Wie bei jeder Leistung der Grundversicherung zahlst du zuerst deine Franchise. Die ordentliche Franchise beträgt 300 Franken pro Jahr, viele Erwachsene haben eine höhere gewählt. Danach kommen zehn Prozent Selbstbehalt dazu, höchstens 700 Franken pro Jahr. Hast du eine Franchise von 2500 Franken, zahlst du eine Abklärung also wahrscheinlich grösstenteils selbst.

Psychologische Psychotherapie: Seit dem 1. Juli 2022 gilt in der Schweiz das Anordnungsmodell. Psychologische Psychotherapeutinnen können seither auf ärztliche Anordnung selbständig über die Grundversicherung abrechnen. Anordnen dürfen Ärztinnen mit bestimmten Facharzttiteln, etwa Allgemeine Innere Medizin (das haben viele Hausärztinnen) oder Psychiatrie und Psychotherapie. Eine Anordnung gilt für bis zu 15 Sitzungen. Für eine Krisenintervention oder Kurztherapie können alle Ärztinnen einmalig bis zu 10 Sitzungen anordnen. Nach insgesamt 30 Sitzungen braucht es eine Kostengutsprache der Krankenkasse.

Ob eine psychologische ADHS-Abklärung über diesen Weg abgerechnet wird, hängt von der Stelle ab. Frag vor dem ersten Termin, wie abgerechnet wird und welche Unterlagen sie von deiner Ärztin brauchen.

Zusatzversicherung: Mit einer Halbprivat- oder Privatversicherung stehen dir zusätzlich Privatkliniken offen, manchmal mit kürzerer Wartezeit. Was deine Zusatzversicherung sonst übernimmt, etwa bei Therapeutinnen ohne Kassenzulassung, ist von Police zu Police verschieden. Ruf an und lass es dir schriftlich bestätigen.

Mentoring und Coaching sind keine Leistungen der Grundversicherung.

Wie lange muss ich auf eine ADHS-Abklärung warten?

Belastbare Zahlen zu Wartezeiten gibt es für die Schweiz nicht. Sie unterscheiden sich stark nach Region und Fachstelle. Das kannst du tun:

  • Frag bei der Anmeldung direkt, wie lange es bis zum ersten Termin dauert.
  • Lass dich bei zwei Stellen auf die Liste setzen und sag ab, sobald du einen Termin hast.
  • Frag nach, ob du bei kurzfristigen Absagen angerufen werden kannst.
  • Nutz die Wartezeit für die Vorbereitung.

Wenn es dir in der Wartezeit psychisch schlechter geht, warte nicht auf den ADHS-Termin. Geh vorher zu deiner Hausärztin. Ist es akut, kannst du die Dargebotene Hand anrufen: Telefon 143, rund um die Uhr, ohne deinen Namen nennen zu müssen.

Vorbereitung: Zeugnisse, Notizen, Berichte

Eine Abklärung verlangt ausgerechnet das, was ADHS schwer macht: Unterlagen zusammensuchen und Formulare ausfüllen, und das bitte vor dem Termin. Fang deshalb früh an und mach es in kleinen Stücken. Eine halbe Stunde am Sonntag reicht für den Anfang.

Schulzeugnisse suchen. Frag deine Eltern, ob sie noch alte Zeugnisse haben, besonders aus der Primarschule. Bemerkungen wie «verträumt», «schwatzt viel» oder «könnte mehr, wenn sie sich anstrengen würde» sind für Fachpersonen aufschlussreich.

Danach die Kindheit. Schreib auf, was dir einfällt: Wie war es mit Hausaufgaben, mit Ordnung, mit Freundschaften? Was haben Lehrpersonen gesagt? Frag auch Geschwister. Sie erinnern sich oft an anderes als du.

Heutigen Alltag beobachten. Notiere zwei Wochen lang, wo es hakt: im Job, im Haushalt, in Beziehungen, mit Geld. Konkrete Szenen helfen mehr als allgemeine Aussagen. «Ich habe drei Mahnungen, weil ich Rechnungen vergesse» sagt mehr als «Ich bin chaotisch».

Wenn du schon wegen Depression, Angst oder Erschöpfung in Behandlung warst, bring die Berichte mit oder gib die Erlaubnis, sie anzufordern.

Und falls sich deine Symptome mit dem Zyklus verändern, schreib auch das auf. Bei Frauen kann das ein wichtiger Hinweis sein.

Nach der Diagnose

Die Diagnose ist ein Anfang. Viele Frauen erleben danach Erleichterung, manche auch Trauer um die Jahre, in denen sie sich für faul oder unfähig gehalten haben. Oft kommt beides in derselben Woche.

Laut elpos wird ADHS multimodal behandelt, also mit mehreren Bausteinen, die auf dich abgestimmt sind:

  • Psychoedukation: Du lernst, wie ADHS funktioniert und was das für dich bedeutet.
  • Psychotherapie, zum Beispiel kognitive Verhaltenstherapie, einzeln oder in Gruppen. Themen sind etwa Zeitmanagement oder der Umgang mit Gefühlen und Selbstwert.
  • Medikamente, wenn sie für dich in Frage kommen. Das entscheidest du gemeinsam mit deiner Psychiaterin.
  • Unterstützung im Alltag durch Beratung, Gesprächsgruppen, Coaching oder Mentoring.

Wenn die Abklärung keine ADHS ergibt, ist das auch eine Antwort. Deine Schwierigkeiten sind trotzdem echt. Frag nach, was die Fachperson stattdessen sieht und welche Unterstützung sie empfiehlt.

Im Job gehört deine Diagnose dir. Ein Arztzeugnis für den Arbeitgeber nennt Dauer und Grad der Arbeitsunfähigkeit, aber keine Diagnose, und dein Arbeitgeber darf nur Daten bearbeiten, die für das Arbeitsverhältnis nötig sind. Ob und wem du davon erzählst, entscheidest du. Mehr dazu im Artikel Was sage ich meinem Arbeitgeber?.

Wo Mentoring dazukommt

Abklären und behandeln, das bleibt bei Psychiaterin und Therapeutin, und zu Medikamenten gebe ich keine Empfehlungen. Als Mentorin helfe ich dir, das Wissen aus der Abklärung in deinen Alltag zu übersetzen. Wann arbeitest du am besten? Welche Systeme passen zu deinem Kopf? Wie sprichst du im Team über das, was du brauchst?

Für das ADHS-Mentoring für Frauen brauchst du keine Diagnose. Manche Frauen kommen vor der Abklärung, weil sie die Wartezeit nutzen wollen, manche danach. Wenn du parallel in Behandlung bist, arbeite ich neben deiner Ärztin oder Therapeutin. Welche Muster bei Frauen typisch sind, liest du im Artikel über ADHS-Symptome bei Frauen. Warum viele Frauen ihre ADHS so lange verstecken, erklärt der Artikel über Masking.

Wenn du nicht weisst, wo du anfangen sollst: Im kostenlosen Klarheitscall schaut ihr gemeinsam, wo du stehst und welcher nächste Schritt für dich Sinn ergibt.

Konkrete Anlaufstellen für eine Abklärung in Luzern und Zürich habe ich auf den Seiten ADHS-Beratung in Luzern und ADHS-Beratung für Zürich zusammengestellt.

Häufige Fragen

Kann meine Hausärztin ADHS diagnostizieren?

Die Hausärztin ist oft die erste Anlaufstelle. Sie kann dich überweisen, die Verordnung für die Abklärung ausstellen und körperliche Ursachen prüfen. Die ADHS-Abklärung selbst machen bei Erwachsenen in der Regel Fachärztinnen für Psychiatrie und Psychotherapie oder spezialisierte Fachstellen.

Zahlt die Krankenkasse eine ADHS-Abklärung?

Laut elpos übernimmt die Grundversicherung die Kosten, wenn eine ärztliche Verordnung vorliegt. Du bezahlst wie bei jeder Behandlung deine Franchise und zehn Prozent Selbstbehalt bis maximal 700 Franken pro Jahr. Frag vor Beginn bei der Fachstelle nach, wie sie abrechnet.

Wie lange dauert eine ADHS-Abklärung?

Die Abklärung selbst verteilt sich meist auf mehrere Termine. Dazu kommt oft eine Wartezeit, bis du einen ersten Termin erhältst. Offizielle Zahlen zu Wartezeiten gibt es nicht. Frag bei der Anmeldung nach und lass dich, wenn möglich, bei mehreren Stellen vormerken.

Brauche ich alte Schulzeugnisse für die Diagnose?

Sie sind keine Pflicht, helfen aber sehr. ADHS beginnt in der Kindheit, deshalb fragen Fachpersonen nach dieser Zeit. Bemerkungen in Zeugnissen wie «verträumt» oder «könnte mehr, wenn sie sich anstrengen würde» können wichtige Hinweise sein.

Sind Online-Tests für ADHS aussagekräftig?

Online-Selbsttests geben höchstens eine erste Orientierung. Sie erfassen nur einzelne Symptome und können zu falschen Schlüssen führen. Eine Diagnose stellt nur eine Fachperson nach einer gründlichen Abklärung.

Werden ADHS-Medikamente für Erwachsene von der Krankenkasse bezahlt?

Laut einem SRF-Bericht von 2026 vergüten Krankenkassen ADHS-Medikamente bei Erwachsenen, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind, etwa eine Diagnose durch eine Psychiaterin, Symptome seit der Kindheit und eine Behandlung im Rahmen eines umfassenden Therapieprogramms. Ob Medikamente für dich in Frage kommen, besprichst du mit deiner Ärztin.

Quellen

  1. elpos Schweiz: ADHS-Abklärung, Test und Diagnose
  2. elpos Schweiz: Beratung
  3. UPK Basel (2026): ADHS im Erwachsenenalter, Vorgehen in der Diagnostik (SomPsyNet-Weiterbildung)
  4. BAG: Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022
  5. BAG (2026): Neuregelung der psychologischen Psychotherapie hat sich etabliert
  6. BAG: Kostenbeteiligung in der Krankenversicherung
  7. SRF Espresso (2026): ADHS-Medikamente, CSS lehnt Kostengutsprache zuerst immer ab
  8. SFG-ADHS: Fachpersonensuche
  9. Young S. et al. (2020): Females with ADHD, an expert consensus statement. BMC Psychiatry 20:404
  10. Obligationenrecht (OR), Art. 328b: Bearbeitung von Personendaten im Arbeitsverhältnis
  11. Blick: Das musst du zum Arztzeugnis wissen

Lorena Odermatt

ADHS-Mentorin in Luzern. Sie begleitet Frauen mit ADHS im Beruf Bei Gesundheitsthemen arbeitet sie ergänzend zu Ärztinnen und Therapeutinnen. Mehr über Lorena

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